Die heutige Jugend ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Früher war die Jugend rebellisch, wehrte sich gegen Verbote und Doktrinen, erzwang sich Rechte, griff die Gesellschaft an, weil sie sich ihrer Chancen beraubt fühlte. Heute ist es schlimmer denn je, aber die Jugendlichen von heute zünden nicht mal mehr eine Zigi an, geschweige denn die ganze Stadt – feige Bubis.
Zuerst waren es die Halbstarken, mit Lederjacken und nach hinten gekämmten Haaren, die auf ihren Töfflis in die nächste Beiz knatterten und damit der Gesellschaft den 2-Takt-Mittelfinger entgegenstreckten. Dann kamen die Studentenunruhen, die in den Globuskrawallen endeten. Später dann die linksradikalen, terroristischen Zellen, die sich mit der Zeit selbst aus dem Verkehr bombten. Selbst der Platzspitz war eine Art Rebellion, wenn auch eine sehr destruktive. Und sogar die Streetparade war ursprünglich ein stummer, lauter Protest gegen das damals noch knopfstiere Zürich. Und seit damals? Nichts.
Der Höhepunkt der Jugendbewegung waren die Unruhen 1980, als Züri brännte. Die Forderung der Jugendlichen, ein Autonomes Jugendzentrum, das es bis heute nicht gibt. Genauso wie eine adäquate Jugendkulturförderung. Das Opernhaus kostet nach wie vor an die 70 Millionen Franken Subventionen im Jahr, während für die Jugendkultur faktisch kein Geld zur Verfügung steht. Was damals noch die Studenten auf die Palme, beziehungsweise Laternen brachte, kümmert heute keinen Jugendlichen. So angepasst und kantenlos war glaubs noch keine Generation von Jugendlichen. Was ist bloss los?
Warum ist es den Jugendlichen heute egal, dass man sie mit Drogentests, Alkohol- und Rauchverbot gängelt, während sie die Gesellschaft lediglich als Konsumenten akzeptiert? Nur ein Beispiel zum Ausgehverhalten: Wer in den Ausgang will, muss fast zwangsläufig in einen Club gehen, weil das öffentliche Rumhängen, trinken und fröhlich sein sofort von der Polizei mit einer Wegweisung geahndet wird. Und wer dann in den Club rein will, muss sich vor der Tür ein demütigendes Ritual gefallen lassen, ob er in das Club-Raster passt oder nicht. Das hätten sich andere Generationen von Jugendlichen nicht gefallen lassen. Doch diese tut es. Warum auch immer.
Die heutige Jugend ist zweifellos eine der mustergültigsten, die es je gab. Brav wird das gemacht, was Papi und Mami sagen, es könnte ja sein, dass sie dafür einen Zwanziger springen lassen, mit dem man dann im Club einen Vodka-Red Bull kaufen kann. Dressiert wie Hündlis für die Leistungsgesellschaft, schmeissen fast 5 % aller Jugendlichen Ritalin ein – um mithalten zu können. Wer sich früher aufgeputscht hat, tat dies freiwillig illegal und war sich der Konsequenzen bewusst. Heute weiss niemand, was mit den Ritalinjunkies einmal passieren wird oder mit den Jugendlichen, die schon mit 20 Jahren völlig fertig sind vom Überdruck der Gesellschaft und ihr erstes Burn out haben.
Die Jugend von heute kann nichts dafür, dass sie so ist, wie sie ist. Sie wurde so geformt, wie sie die ältere Generationen haben wollen – stumm konsumierende Konformisten. So definiert sich die Jugend von heute praktisch nur über den Konsum: Ich bin, was ich trage, esse, sehe und höre.
Fast hat man das Gefühl, dass sich die Jugend von heute umschaut und findet: Die Welt ist gebaut, was soll ich dabei noch tun? Während das früher ein Grund war, diese Welt niederzubrennen, zucken die meisten mit den Schultern und stecken wieder die Kopfhörer in die Ohren. Es ist ja nicht so, dass wir in einer perfekten Welt leben. Vor allem die Jugendlichen nicht, die im Überwachungsfokus aller Autoritäten sind. Auch das hätten sich wahrscheinlich andere Generationen nicht gefallen lassen. Sicher nicht in diesem Masse.
Auch was die Politik angeht, vertritt die Jugend von heute ausschliesslich die Meinung der Konzernmedien. Während Ende der 60er Jahre die Jugendlichen noch gegen den Vietnamkrieg protestierten und Friedensparolen skandierten, finden heute gleich zwei imperialistische Kriege (Irak und Afghanistan) statt, die der Jugend 2010 am Arsch vorbeigehen.
Vielleicht ist es nicht die Lethargie der Jugendlichen, sondern eine Schockstarre über die Machtlosigkeit, wie sie einer Welt gegenüberstehen, die ihnen sagt, Lady Gaga sei Kunst. Natürlich war früher nicht alles besser. Im Gegenteil, die Welt war früher tatsächlich viel beschissener als heute. Aber das ist ein grosser Verdienst früherer (Jugend) Rebellionen. Auch wenn damals vieles schief ging. Oder mit anderen Worten: Versuchen Sie mal in der Roten Fabrik das Menü 2 zu bestellen, aber mit der Beilage von Menü 1.
*Snoopy ist unser Redaktionshund und kolumniert hier jeden Sonntag. Fast so wie Frank A. Meyer im Sonntagsblick und heute sogar ein bisschen wie Karl-Theodor zu Guttenberg