Ruhe in Frieden, F.W. Murnau Donnerstag, 11. März 2010




F.W. Murnau war nicht nur der erste Oscarpreisträger überhaupt, sondern wohl auch der bedeutendste deutsche Regisseur, der je gelebt hat. Er revolutionierte die Kinowelt mit einer Bildsprache, die sich eher an der Kunst, als am Kino orientierte. Leider starb dieses Regiegenie viel zu früh, nämlich heute vor 79 Jahren bei einem Autounfall in Santa Barbara. Er wurde nur 42 Jahre alt. Friedrich Wilhelm Plumpe wuchs als Sohn eines Tuchfabrikants in einer wohlhabenden Bürgerfamilie auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Kassel, wohin die Familie umzog, begann er ein Studium der Philologie und Kunstgeschichte in Berlin und Heidelberg. Dort wurde bei einer Studentenaufführung der berühmte Regisseur Max Reinhardt auf ihn aufmerksam. Reinhardt ermöglichte ihm den Besuch der Max-Reinhardt-Schauspielschule und beschäftigte ihn als Schauspieler und Regieassistenten. Plumpe nahm den Künstlernamen Friedrich Wilhelm Murnau (nach dem Ort Murnau am Staffelsee) an. Dies war, neben dem künstlerischen Aspekt, auch ein klares Zeichen für den Bruch mit seinen Eltern, die seine Homosexualität genauso wie seine Schauspiel- und Regieambitionen nicht akzeptieren wollten.
Am Ersten Weltkrieg nahm Murnau erst als Leutnant im 1. Garderegiment ab 1917 als Kampfflieger teil, bis er absichtlich oder durch einen Navigationsfehler auf dem Gebiet der neutralen Schweiz landete. Dort wurde er zunächst in Andermatt interniert, konnte aber nach dem Gewinn eines Inszenierungswettbewerbs für das patriotische Schauspiel „Marignano“ am Luzerner Theater arbeiten. Die Kriegserlebnisse waren für Murnau wie für viele seiner Generation prägend; sein damaliger Lebensgefährte fiel an der Ostfront.
1919 kehrte Murnau nach Berlin zurück und begann für den Film zu arbeiten. Sein erster Spielfilm, „Der Knabe in Blau“ ist wie auch einige seiner späteren Filme verschollen. Mit dem Film „Der Bucklige und die Tänzerin“ begann eine höchst fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Carl Mayer, der in der Folge noch für sechs weitere Filme Murnaus die Bücher schrieb. Andere Künstler, mit denen Murnau bevorzugt zusammenarbeitete. Sein berühmtester Film aus dieser Zeit ist „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ mit Max Schreck in der Titelrolle, eine frühe Verfilmung von Bram Stokers Dracula, die aber aufgrund von Lizenzproblemen umbenannt werden musste.
Der Erfolg seiner Filme brachte Murnau einen Vertrag bei der Universum Film (UFA) ein. Für die UFA inszenierte er als erstes 1924 den Film „Der letzte Mann“, in dem Emil Jannings einen Hotelportier verkörpert, der zum Toilettenmann degradiert wird und daran zerbricht. Die in diesem Film von Murnau und dem Kameramann Karl Freund verwendete „entfesselte“ oder auch „fliegende“ Kamera befreite die Kamera von ihrer Statik und ermöglichte völlig neue Perspektiven (um z.B. den Rauch einer Zigarette zu verfolgen, schnallte Freund die Kamera an eine Feuerwehrleiter und bewegte diese). Ferner führte Murnau in diesem Film die „subjektive Kamera“ ein, die das Geschehen mit den Augen einer handelnden Person wiedergibt. Murnaus Fähigkeit, mit rein filmischen Mitteln eine Geschichte zu erzählen, zeigt sich auch darin, dass er in diesem Film fast ganz auf Zwischentitel verzichten konnte, was für die Stummfilmzeit höchst ungewöhnlich ist.
Murnaus Erfolge in Deutschland und vor allem die amerikanische Fassung seines „Der letzte Mann“ im Jahre 1925 hatten Hollywood auf ihn aufmerksam gemacht. Murnau erhielt ein Vertragsangebot des amerikanischen Produzenten William Fox, der ihm volle künstlerische Freiheit zusicherte. Sein erster in den USA inszenierter Film „Sunrise“ gewann bei der allerersten Oscar-Verleihung 1927 drei Oscars, erfüllte jedoch die kommerziellen Erwartungen nicht ganz. Von den Zwängen Hollywoods enttäuscht, kündigte Murnau 1929 den Vertrag mit Fox. Nach einem ergebnislosen Versuch, wieder in Berlin mit der UFA ins Geschäft zu kommen, kaufte er sich eine Segelyacht, fest entschlossen, seinen nächsten Film allein nach seinen eigenen Vorstellungen zu realisieren, und fuhr nach Tahiti, um dort mit dem Regisseur und Dokumentarfilmer Robert J. Flaherty den Film „Tabu“ zu drehen. Während der Dreharbeiten gab es erhebliche Schwierigkeiten mit der die Drehkosten finanzierenden Filmmaterial-Firma. Der Vertrieb des von Murnau selbst finanzierten Films, für den er sein gesamtes Vermögen aufgewendet und sich hoch verschuldet hatte, wurde von der Firma Paramount übernommen, die von dem Film so beeindruckt war, dass sie Murnau einen Zehnjahresvertrag anbot.
Die Premiere des Films am 18. März 1931 erlebte Murnau jedoch nicht mehr. Am 11. März 1931, kurz vor einer Europa-Promotion-Tour Murnaus, verlor sein Diener, der 14-jährige Filipino Garcia Stevenson, auf der Küstenstrasse von Santa Monica die Kontrolle über ihr Auto und prallte frontal mit einem LKW zusammen. Murnau starb wenige Stunden später an seinen Verletzungen. Nur elf Personen haben von ihm am 19. März Abschied genommen, darunter Greta Garbo. Hoffentlich werden sich heute mehr Leute an den brillanten deutschen Regisseur erinnern.
Zur Trauer des Tages zeigen wir sein Meisterwerk „Nosferatu“ in voller Länge.
Nosferatu
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