Heute vor 77 Jahren wurde eines der frühesten schottischen Teenager-Idole geboren, um schliesslich gestern vor 30 Jahren als verarmter, depressiver Punk zu sterben. Das war das Leben von Alex Harvey.
Angefangen hat alles sehr gut. Der erst 21-jährige Alex Harvey gewann mitte der 50er Jahre einen Wettbewerb als «Schottlands Tommy Steele». Daraufhin schloss er sich der «Big Soul Band an», die mit Stücken von Bo Diddley bis in die 60er Jahre recht erfolgreich war. Als der Publikumsgeschmack über ihn hinwegschwappte und Engagements für die Soul Band rar wurden, zog er sich für zwei Jahre mit Frack, Fliege und Show-Balladen in Cabarets und Nachtlokale zurück; dann schlug er fünf Jahre die Gitarre im Londoner Orchester des Musicals «Hair». Doch «als der Rock'n'Roll plötzlich wieder in Mode kam wie ausgefranste Jeans» (Harvey), zog es den Veteranen zur Rockbühne zurück. Er holte sich die 1970 gegründete Nachwuchsgruppe «Tear Gas» aus Glasgow und stellte sie 1972 als «Sensational Alex Harvey Band» vor. Auf die mit Clownsmasken, Charakteren aus Marvel-Comics, Kostümen aus dem Fundus der Glitter-Bands und Effekten aus Horror-Rockshows sowie ihren frischen Schotten-Rock'n'Roll reagierten Kritiker und das Teen-Publikum enthusiastisch. Assistiert von der Rock-Presse, die Harvey mit ständig wechselnder Optik bediente, war die SAHB ein paar Jahre lang für schrillen Bühnenzirkus gut. Die Musiker hüpften als Vaudeville-Monster auf der Bühne, eskortierten nackte Schönheiten aus dem Publikum und machten sich über Marx, Mao und Hitler lustig. Alex Harveys erfolgreichster Song war „The Faith Healer“ auf dem zweiten SAHB Album „Next“ 1973. Zuerst kaum beachtet wurde „The Faith Healer“ später dann doch sehr schnell eine Art Erkennungslied. Der Titel wurde von mehreren Bands gecovert, darunter von «The Cult» und «The Bollock Brothers». Ebenfalls grossen Erfolg hatte Harvey mit der Coverversion des Tom Jones-Hits „Delilah“, die bis auf Platz 7 der britischen Charts vordrang.
Zunächst spielten sie nur im Vorprogramm von Slade, Mott the Hoople und anderen. Später stieg die Band bald zum Headliner auf und verbuchte veritable Erfolge. Doch der sensationelle Alex Harvey trank immer mehr, als es gut für ihn und die Band war. Harvey, dessen Bruder Les bei „Stone the Crows“ 1972 durch einen elektrischen Schlag umgekommen war, ergab sich seinen Depressionen und zunehmend dem Rausch. Ende der 80er Jahre kam es nochmals zu einem Kurz-Comeback der neu formierten Band, doch ohne Erfolg. Die Band spielte oft vor leeren Hallen. Anschliessend versuchte er drei Jahre lang mit geringem Erfolg, solistisch auf die Beine zu kommen. Alex Harvey starb während einer Tournee in Belgien an einem doppelten Herzinfarkt, einen Tag vor seinem 47. Geburtstag.